Meritusir

Ein kleiner Vorgeschmack auf den Start der neuen Reihe!
PROLOG
Benommen stolperte Sarah aus ihrer eigenen Grabstätte heraus und kniff die Augen zusammen, als sie in das grelle Licht des Tals der Könige trat. Schnell setzte sie sich ihre Sonnenbrille auf, die zum einen Schutz vor der Sonne bot und zum anderen ihre tränenfeuchten Augen verbarg. Was war nur nach ihrer Rückkehr ins Heute und Jetzt geschehen? Wieso war das Grab, das ihnen Pharao Ramses der Siebte zum Geschenk gemacht hatte, derart zerstört, nein, geschändet worden? Wo war der Sarkophag ihres Mannes? Was war mit seiner Mumie geschehen? Und wieso waren einzig und allein nur die Bildnisse von Amunhotep und die ihres Sohnes ausgemeißelt? Ihr fiel darauf nur eine Antwort ein: Jemand hatte verhindern wollen, dass ihr Ka in das Reich des Osiris einging, wo sie früher oder später mit ihrer Seele zusammenträfen. Und es gab nur einen, der dies hätte verhindern wollen: Ramses-Sethherchepeschef, besser bekannt als Ramses der Achte!
Die anderen aus ihrer Reisegruppe hatten sich im Schatten eines Felsvorsprungs zusammengefunden und warteten nur noch auf Achmed und sie.
»Ist das Grab von Ramses dem Siebten zu besichtigen?«, wandte sich Sarah kurz entschlossen dem Reiseleiter zu, der hinter ihr aus der Grabanlage trat.
Verwirrt sah dieser sie an. »Ja. Aber wir wollen jetzt in das Grab von Sethos dem Ersten«, antwortete er und schüttelte verständnislos den Kopf. Diese Frau wurde immer seltsamer, seit sie in Abu Simbel hingefallen und für knapp zehn Minuten bewusstlos gewesen war. »Das hat bei Weitem mehr zu bieten als das von Ramses dem Siebten. Warum fragen Sie?«
»Weil ich es mir gerne ansehen möchte. Mich fasziniert, was ich gerade über diese Grabstätte und über jene Meritusir erfahren habe, und was es mit den zerstörten Wandflächen auf sich haben kann. Deshalb würde ich mir gerne das Grab desjenigen Pharaos anschauen, für den sie angeblich als Priesterin gedient haben soll.« Sarah setzte eine unschuldige Miene auf. Gefühle verbergen oder falsche vortäuschen hatte sie inzwischen bis zur Perfektion gelernt.
Achmed zuckte mit den Schultern. »Meinetwegen. Doch zuvor schauen wir uns Sethos’ Grab an, einverstanden? Und wenn Sie im Anschluss in das von Ramses dem Siebten möchten, machen Sie das. Ich zeige in der Zwischenzeit dann den anderen das Grab von Ramses dem Dritten.« Er beugte sich ihr verschwörerisch zu. »Ramses der Dritte war übrigens der Großvater von Ramses dem Siebten.«
»Ach ja?« Sarah war das bekannt, doch sie heuchelte ehrfürchtiges Erstaunen.
»Meine Damen und Herren!«, wandte sich Achmed nun der Gruppe zu. Die Gespräche verstummten, die sich noch immer um die eben angesehene Grabstätte drehten, und alle Gesichter richteten sich auf ihn. »Wir gehen jetzt in das Grab eines der berühmtesten Könige, der zudem auch noch der Vater des wohl größten Pharaos der ägyptischen Geschichte ist. Ich spreche von Sethos dem Ersten, dem Vater von Ramses dem Zweiten oder auch Ramses dem Großen. Im Anschluss erhalten Sie von mir eine gute halbe Stunde Zeit, um sich ein drittes Grab ihrer Wahl anzuschauen ...«, sein Blick schweifte zu Sarah, »oder Sie folgen mir zur Grabstätte von Ramses dem Dritten. Das entscheiden Sie.«
Sarah schmunzelte verstohlen, obwohl ihr alles andere als zum Lachen zumute war.
»Doch nun werde ich Ihnen erst mal etwas über Pharao Sethos den Ersten erzählen.« Achmed gab seiner Reisegruppe eine kurze Einführung zu diesem Pharao und welche Taten er vollbracht hatte. Dann verließen sie den schattigen Bereich hinter dem Felsvorsprung und strebten einem anderen Teil des Königstals zu.
Das Grab von Sethos dem Ersten befand sich in einem kleinen Seitental direkt neben dem Grab seines Vaters und führte tief in den Felsen hinein. Es zählte zu den schönsten Gräbern im Tal der Könige, und obwohl Sarahs Leidenschaft fürs Bauen normalerweise keine Grenzen kannte und sie sich immer gewünscht hatte, dieses Grab einmal mit eigenen Augen zu sehen, konnte sie sich heute einfach nicht auf die Anlage konzentrieren und sich nur selten an den wundervollen Dekorationen erfreuen, die zum überwiegenden Teil in leuchtenden Farben die vergangenen 3200 Jahre überdauert hatten. Zu sehr war sie mit der Frage beschäftigt, was sie tun konnte, um das rückgängig zu machen, was nach ihrer Rückkehr in der Antike geschehen war. Denn dass etwas Schreckliches vorgefallen sein musste, stand für sie eindeutig fest. Wie aber sollte sie das anstellen? Nirgendwo konnte man einen Trip in die Vergangenheit buchen. Noch immer kam ihr ihr erster unwirklich vor. Von jetzt auf gleich hatte sie sich in der zwanzigsten altägyptischen Dynastie befunden, genau genommen ungefähr 3100 Jahre vor ihrer Zeit. Wie das entgegen allen wissenschaftlichen Annahmen geschehen konnte, Annahmen, die Zeitreisen in die Welt der Mythen und Märchen verbannten, war ihr bis heute ein Rätsel. Vielleicht gehörte wirklich eine Portion göttlicher Macht dazu. Immerhin hatte sie sogar von jetzt auf gleich die heiligen Zeichen in Wort und Schrift perfekt beherrscht, und wem als einer höheren Macht wäre es gegeben, ihr spontan dieses Wissen zu verleihen? Sie wusste es nicht, auch nicht, wie in der Gegenwart nur ein paar Minuten vergangen sein konnten, während in der Antike fast eine Dekade verstrichen war. Eines aber wusste sie mit Gewissheit: Sie musste zurück in die Vergangenheit, auch wenn sie vor genau vier Tagen und circa 3100 Jahren Osiris um ihren Tod gebeten hatte, um mit ihrem Mann und ihrem Sohn in seinem Reich zusammen sein zu können. Diesen Wunsch hatte ihr der Gott natürlich nicht erfüllt. Vielleicht aber half er ihr dabei, zurückzukehren, denn wie schon beim ersten Mal lag es nicht in ihrer Entscheidungsgewalt, durch die Zeit zu reisen, sondern war vorherbestimmt vom Schicksal und den Göttern der alten Ägypter. Doch brauchten diese ihre Hilfe erneut?
Vielleicht nicht sie, aber ich!, dachte Sarah verzweifelt.
Das war der Grund, warum sie unbedingt das Grab von Ramses dem Siebten besichtigen wollte. Er stellte eine direkte Verbindung zu ihrem damaligen Leben her, und sie hoffte, dass der Sprung zurück in der Zeit erneut passieren würde. Und sollte dies nicht gelingen, würde sie eben all jene Stätten besuchen, die in ihrem antiken Leben eine bedeutende Rolle gespielt hatten, allen voran Abydos.
Und so konzentrierte sie sich wieder auf das Grab und hielt beeindruckt die Luft an, als sie auf der oberen Treppe zur Sarkophagkammer stand. »Wow!«, rief sie begeistert und stieß dabei die angehaltene Luft wieder aus.
Von der Grundfläche her wirkte die Kammer gar nicht mal so riesig, was ein Trugschluss und ihrer Höhe geschuldet war, die mit geschätzten sechs Metern sicher nicht zu knapp bemessen schien. Eingänge zu weiteren Nebenräumen zweigten in allen drei Wänden ab, und es gab den Zugang zu jenem mysteriösen Schacht, der, wenn sie sich recht erinnerte, circa hundertsiebzig Meter in den Felsen führte und scheinbar keine Bedeutung hatte, außer, dass er den Zugang zur Unterwelt und die Verbindung zum Nun, dem Urozean, symbolisierte. Am beeindruckendsten waren jedoch die leuchtenden Farben und die wunderschönen Malereien sowie das tonnenförmige Gewölbe, das die Grabkammer überspannte und mit astronomischen Bildern versehen war.
»Wo hat der Sarkophag gestanden?«, fragte sie Achmed, der vor ihr in die Kammer getreten war. Sie konnte es sich nicht erklären, denn in der Mitte des Raumes klaffte der Zugang zum Schacht im Boden und beidseits davon hätte ein Sarg die Symmetrie des Raums zerstört.
»Genau da!« Achmed wies auf die Stelle, wo es zum Schacht hinunterging. Als er ihre verwirrte Miene bemerkte, schmunzelte er. »Der Zugang war mit einer großen Steinplatte abgedeckt, auf der der Sarkophag gestanden hat. Er war bis in unsere Zeit versteckt und wurde nur durch Zufall entdeckt.«
»Aaah!« Ein verstehendes Lächeln umspielte ihre Lippen, das einem zufriedenen wich. Vom Prinzip her hatte sie es in Abydos ähnlich gemacht, um den Zugang zur Grabstätte von Ramses dem Siebten zu verstecken. »Das wusste ich nicht. Ich bin davon ausgegangen, dass die Aufteilung der Kammer anders ist und der Zugang immer sichtbar war.« Das entsprach der Wahrheit, denn sie hatte sich bisher noch nicht so intensiv mit dem Grab von Sethos befasst. Es gab ihr aber die Gewissheit, dass sie richtig kalkuliert hatte und niemand das Grab von Ramses unter der Osiris-Statue vermuten und somit finden würde.
Dankend nickte sie Achmed zu, der die Teilnehmer ihrer Reisegruppe an die Wand zu ihrer Linken winkte. Sarah hingegen sah erneut hinauf zur Decke, die sie mit ihren goldenen Darstellungen auf dunkelblauem Untergrund in ihren Bann zog. Sie war so hoch, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um sie komplett sehen zu können.
Vorsichtig schritt sie wie Hans-guck-in-die-Luft die paar Stufen hinab und ein paar Schritte weiter, bis sie plötzlich mit dem Fuß gegen etwas Hartes stieß und aus dem Gleichgewicht geriet.
»Mist!«, fluchte sie noch im Stürzen und schlug im nächsten Moment hart mit der Stirn auf dem Geländer auf, das als Absperrung zu jenem Loch mit dem seltsamen Gang an seinem Ende diente. »AUUU!«, war das Nächste. Die Sinne schwanden ihr. Sie sackte zusammen und fiel erneut durch die Zeit.
